
Der Aufbau von Vermögen über Wertpapierdepots hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Immer mehr Anleger investieren eigenständig am Kapitalmarkt. Neobroker, der einfache Zugang zu ETF-Sparplänen sowie soziale Medien und die damit verbundene stärkere Auseinandersetzung mit Geldanlagen haben diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.
Während der Ansparphase steht für viele Anleger eine zentrale Frage im Mittelpunkt:
Wie lässt sich mein Kapital unter Berücksichtigung der eigenen Risikotragfähigkeit möglichst effizient vermehren?
Mit Beginn des Ruhestands verändert sich diese Perspektive jedoch grundlegend. Nun geht es nicht mehr primär um Vermögensaufbau, sondern darum, aus dem aufgebauten Kapital ein dauerhaftes Einkommen zu generieren.
Viele Anleger verfolgen dabei eine scheinbar naheliegende Strategie. Sie planen, einen festen monatlichen oder jährlichen Betrag aus ihrem Depot zu entnehmen und gleichzeitig weiterhin am Kapitalmarkt investiert zu bleiben. Was auf den ersten Blick einfach und logisch erscheint, kann jedoch erhebliche Risiken mit sich bringen, wenn die Entnahmestrategie nicht sorgfältig geplant wird. Ein zentraler und häufig unterschätzter Faktor ist dabei das sogenannte Renditereihenfolge-Risiko.
1. Gleiche Renditen, unterschiedliche Ergebnisse – der Einfluss der Renditereihenfolge
Für viele Menschen kurz vor oder im Ruhestand spielt das Wertpapierdepot eine zentrale Rolle in der finanziellen Planung. Anders als bei einer gesetzlichen Rente oder Rentenzahlungen aus privaten Versicherungen wird bei einem Wertpapierdepot keine konstante lebenslange Zahlung automatisch ausgezahlt. Hier ist ein deutlich höheres Maß an Planung und Eigeninitiative erforderlich.
Auch wenn die Vermögensstruktur zum Ende der Ansparphase in vielen Fällen deutlich defensiver ausgestaltet wird, planen die meisten, auch im Ruhestand weiterhin am Kapitalmarkt investiert zu bleiben. Warum auch nicht, wenn Kapital vorhanden ist und auf Tagesgeldkonten oder anderen sicheren Anlagen derzeit kaum nennenswerte Erträge erzielt werden können.
Doch die Kombination aus laufenden Entnahmen im Ruhestand und einer weiterhin investierten Vermögensstruktur kann ein häufig unterschätztes Risiko mit sich bringen.
In der Forschung ist dieser Zusammenhang seit vielen Jahren bekannt und wird als Renditereihenfolge-Risiko bezeichnet. In der Praxis ist er jedoch vielen Anlegern kaum bewusst. Auch in der Beratung erhält dieser Aspekt häufig zu wenig Aufmerksamkeit.
Welche Auswirkungen die Reihenfolge der Kapitalmarktrenditen auf eine Entnahmestrategie haben kann, zeigt das folgende Beispiel. Um dieses Risiko, das sogenannte Renditereihenfolge-Risiko, greifbar zu machen, betrachten wir zwei Rentner.
Rentner A und Rentner B starten mit identischen Voraussetzungen. Beide verfügen zu Beginn des Ruhestands über ein Depot von 1.000.000 € und planen eine jährliche Entnahme von 70.000 €. In unserem Beispiel unterstellen wir, dass beide Personen ihr gesamtes Kapital weiterhin vollständig im Aktienmarkt investiert lassen.
Über einen Zeitraum von 16 Jahren erleben beide exakt dieselben historischen Jahresrenditen des S&P 500. Der S&P 500 ist ein Aktienindex, der die Entwicklung von 500 großen börsennotierten Unternehmen in den USA abbildet und häufig als Referenz für die Entwicklung des globalen Aktienmarktes verwendet wird.
Der Unterschied zwischen den beiden Rentner liegt ausschließlich in der Reihenfolge der Renditen.
Rentner A erlebt die Renditen in der tatsächlichen chronologischen Abfolge.
Rentner B erlebt dieselben Renditen in umgekehrter Reihenfolge. Die durchschnittliche Rendite über den gesamten Zeitraum ist für beide identisch. Der einzige Unterschied liegt im Zeitpunkt, zu dem gute oder schlechte Börsenjahre auftreten.

Nach 16 Jahren und identischen Gesamtentnahmen steht Rentner A mit rund 902.000 € da. Rentner B hingegen hat sein Vermögen trotz derselben jährlichen Entnahmen auf über 3.477.000 € mehr als verdreifacht.
Der Unterschied beträgt über 2.500.000 €, obwohl beide Rentner über den gesamten Zeitraum exakt dieselben Renditen erlebt haben.
Hinweis: In den meisten Entnahmeplan-Rechnern, die im Internet zu finden sind, spielt das Renditereihenfolge-Risiko kaum eine Rolle. Genau hier wird sichtbar, welchem Risiko sich Anleger aussetzen, wenn keine durchdachte Ruhestandsplanung erfolgt. In unserem Beispiel wurde der Einfachheit halber auf steuerliche Effekte, Inflation und weitere Einflussfaktoren verzichtet, um den zugrunde liegenden Mechanismus klar darzustellen.
2. Das Kernproblem: Verkauf zu Tiefstkursen
Wie wir in unserem Beispiel sehen, entsteht das Renditereihenfolge-Risiko nicht durch Kursverluste allein. Entscheidend ist die Kombination aus Verlusten zu Beginn der Entnahmephase und gleichzeitigen Entnahmen. Das führt dazu, dass Kapital genau dann entnommen wird, wenn die Kurse niedrig sind. Dieses Kapital steht später für die Erholung nicht mehr zur Verfügung.
Gehen wir noch einmal auf unser Beispiel zurück:
Der Wendepunkt bei Rentner A liegt im zweiten Jahr seines Ruhestands. Die Finanzkrise 2008 führt zu einem Verlust von 37 %. Das Vermögen fällt von 985.000 € auf 550.950 €. Die Entnahme von 70.000 € erfolgt nun aus einer deutlich kleineren Basis. Um diesen Betrag weiterhin zu entnehmen, müssen mehr Anteile verkauft werden.
Genau diese Anteile fehlen später, wenn sich die Märkte erholen. Selbst starke darauffolgende Börsenjahre können diesen Nachteil nicht mehr vollständig ausgleichen.
Betrachten wir Rentner B zu Beginn seines Ruhestands:
Rentner B erlebt exakt dieselben Renditen, jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Er startet mit einem Verlust von -18,1 %. Auf den ersten Blick könnte man erwarten, dass sich das Depot nun ähnlich negativ entwickelt wie bei Rentner A. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Bereits in den folgenden Jahren erzielt er +28,7 % und +18,4 %. Das Depot erholt sich schnell.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Höhe des ersten Verlusts. Da der Rückgang moderater ausfällt, bleibt die Vermögensbasis stabiler. Die Entnahmen erfolgen aus einem höheren Depotwert, es müssen weniger Anteile verkauft werden. Diese Anteile bleiben investiert und profitieren von der anschließenden Erholung.
In der Praxis wird dieser Zusammenhang häufig unterschätzt. Viele Berechnungen, die mit sogenannten Entnahmerechnern erfolgen, unterstellen eine gleichmäßige Entwicklung des Vermögens und arbeiten mit konstanten Annahmen von etwa 4,5 oder 6 % pro Jahr. Für den tatsächlichen Verlauf ist jedoch entscheidend, ob schwache Marktphasen zu Beginn oder erst später auftreten.
Hinweis: Die von uns gewählte umgekehrte Reihenfolge der Renditen ist ein bewusst gewähltes Gedankenexperiment. Sie macht sichtbar, welchen Einfluss die zeitliche Abfolge der Renditen auf eine Entnahmestrategie haben kann.
3. Nicht das einzelne schlechte Jahr – sondern das erste Jahrzehnt
Spannende Rückschlüsse zum Renditereihenfolge Risiko liefert Michael Kitces, die sich auch in unserer eigenen Auswertung klar widerspiegeln. Entscheidend ist nicht ein einzelnes schlechtes Börsenjahr, sondern die Entwicklung über das gesamte erste Jahrzehnt im Ruhestand.
Kitces zeigt, dass ein schwaches erstes Jahrzehnt nicht nur „riskanter“ ist als ein einzelnes negatives Jahr, sondern häufig auch aussagekräftiger als die durchschnittliche Rendite über den gesamten Ruhestandszeitraum von 30 Jahren und mehr.
Genau das wird auch in unserem Beispiel deutlich: Was in den ersten 10 Jahren mit dem Portfolio passiert, prägt den weiteren Verlauf maßgeblich.
Kritisch wird es insbesondere dann, wenn:
- mehrere schwache Börsenjahre aufeinander folgen
- und gleichzeitig laufende Entnahmen erfolgen
In dieser Kombination entsteht der zentrale Mechanismus des Renditereihenfolge-Risikos: Das Kapital wird früh reduziert und steht für spätere Erholungsphasen nur noch eingeschränkt zur Verfügung.
Selbst wenn die Kapitalmärkte sich in den darauffolgenden Jahren wieder positiv entwickeln, können diese Gewinne den zuvor entstandenen Substanzverlust häufig nicht mehr vollständig kompensieren.
4. Inflation – der stille Verstärker des Renditereihenfolge-Risikos
Nachdem wir das Renditereihenfolge-Risiko betrachtet haben, rückt ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor in den Fokus: die Inflation.
In den meisten Ruhestandsplanungen wird von einem festen Entnahmebetrag ausgegangen, der im Zeitverlauf an die Inflation angepasst wird. Bezogen auf unser Beispiel würde bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,5 % ein anfänglicher Entnahmebedarf von 70.000 € innerhalb von 25 Jahren auf rund 130.000 € ansteigen.
Das bedeutet, dass im Zeitverlauf immer mehr Kapital entnommen werden muss, um den Lebensstandard zu halten. Die Entnahmen erfolgen somit zunehmend aus einem Portfolio, das gleichzeitig Marktschwankungen unterliegt. Genau diese Dynamik kann das Rendite Reihenfolge Risiko deutlich verstärken.
Inflation ist damit nicht nur ein Kaufkraftthema, sondern ein eigenständiger Risikofaktor in der Entnahmephase und in Kombination mit negativen Marktphasen eines der ungünstigsten Szenarien für ein Ruhestandsportfolio.
5. Strategien für eine stabile Ruhestandsplanung
Wir haben gesehen, welche Risiken entstehen können und wie stark sich diese in der Praxis auswirken. Entscheidend ist nun die Frage, wie Anleger damit umgehen und welche Ansätze helfen können, das Risiko zu reduzieren.
Wichtig ist dabei, dass es keine universelle Lösung gibt, die für jeden und in jedem Fall gleichermaßen geeignet ist oder verlässlich zum Erfolg führt. Es gibt jedoch Strategien, die dazu beitragen können, die Auswirkungen deutlich abzufedern:
- Flexible Entnahmen statt starrer Beträge
Ein fester Entnahmebetrag pro Jahr wirkt auf den ersten Blick planbar, kann jedoch in schwachen Marktphasen problematisch werden, wie unser Beispiel deutlich zeigt. Sinnvoller kann eine flexible Gestaltung der Entnahmen sein. In guten Börsenjahren kann mehr entnommen werden, während in schwachen Phasen die Entnahmen reduziert oder temporär ausgesetzt werden. So wird verhindert, dass Verluste dauerhaft realisiert werden. - Liquiditätspuffer einplanen
Ein Teil des Vermögens sollte bewusst nicht im Kapitalmarkt investiert sein. Ein Liquiditätspuffer, zum Beispiel auf Tagesgeldkonten, kann mehrere Jahre an Entnahmen abdecken. In Krisenphasen können Entnahmen aus diesem Puffer erfolgen, sodass das Depot Zeit zur Erholung erhält. - Arbeiten mit verschiedenen Vermögenstöpfen
Eine strukturierte Aufteilung des Vermögens kann helfen, unterschiedliche Ziele abzubilden. Ein kurzfristiger Topf für laufende Entnahmen, ein mittelfristiger für Stabilität und ein langfristiger für Wachstum. Dadurch wird vermieden, dass langfristige Anlagen in ungünstigen Marktphasen verkauft werden müssen. Die klare Struktur reduziert die Wahrscheinlichkeit von irrationalen Entscheidungen und unterstützt eine konsequente Umsetzung der eigenen Investment- und Entnahmestrategie. - Regelmäßige Überprüfung und Anpassung
Ruhestandsplanung ist kein statisches Konzept. Marktveränderungen, Inflation oder persönliche Lebensumstände erfordern regelmäßige Anpassungen. Eine laufende Überprüfung hilft, frühzeitig gegenzusteuern und die Strategie anzupassen.
Grundsätzlich gilt: Je früher man sich mit der Entnahmephase beschäftigt, desto größer ist der Gestaltungsspielraum. Idealerweise beginnt diese Planung mehrere Jahre vor dem Ruhestand. Im Artikel „Warum planen so wenige Menschen ihren Ruhestand“ sind wir auf diese Fragestellung bereits eingegangen und haben den Mehrwert einer strukturierten Planung näher erläutert.
Zentrale Fragen einer Ruhestandplanung sollten dabei lauten:
- Wann soll mit der Entnahmephase begonnen werden?
- Welche Entnahmerate ist realistisch und langfristig nachhaltig?
- Wie lange reicht das vorhandene Vermögen unter verschiedenen Szenarien aus?
- Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Kapitalmarktverläufe auf die Entwicklung des Vermögens?
- Welche weiteren Vermögenswerte bestehen und wie wirken sie im Zusammenspiel mit dem Portfolio?
6. Fazit
Viele Anleger investieren viel Zeit und Aufmerksamkeit in den Vermögensaufbau, beschäftigen sich jedoch kaum mit der Entnahmephase. Genau hier entstehen jedoch die größten Risiken. Während in der Ansparphase Schwankungen oft ausgesessen werden können und Fehler durch Zeit, Einzahlungen oder Anpassungen teilweise korrigierbar sind, ist die Entnahmephase deutlich weniger fehlertolerant.
Den Einsatz von Entnahmerechnern, wie sie oftmals im Internet zu finden sind, die von einer konstanten, linearen Entnahme ausgehen, sehen wir kritisch und sollten mit einer gewissen Vorsicht angewandt werden. In der Realität verlaufen Kapitalmärkte nicht linear, sondern unterliegen Schwankungen und unterschiedlichen Renditereihenfolgen.
Zum Abschluss möchten wir dich einladen, dich gedanklich in diese Situation zu versetzen: Stell dir vor, direkt zu Beginn deines Ruhestands tritt eine deutliche Marktphase ein, wie in unserem Gedankenexperiment bei Rentner A, und dein Vermögen reduziert sich kurzfristig um rund 40 %. Die entscheidende Frage lautet:
Würdest du in dieser Situation weiterhin rational und planvoll handeln können?
Neben der rein fachlichen Dimension des Renditereihenfolge-Risikos tritt ein weiterer, oft unterschätzter Faktor zutage: die Verhaltenspsychologie. In einer anhaltenden Schwächephase des Marktes würden nicht wenige Anleger, trotz zuvor sorgfältig ausgearbeiteter Planung, die Nerven verlieren und zumindest Teile ihres Depots verkaufen, wenn nicht sogar den gesamten Bestand. Der Gedanke dahinter klingt verlockend rational: weitere Verluste vermeiden und später wieder einsteigen, wenn die Kurse nach oben drehen. Dass diese Strategie in der Praxis kaum funktioniert, belegen zahlreiche Studien.
Eine strukturierte und unabhängige begleitende Ruhestandsplanung kann dabei helfen, auch in schwierigen Marktphasen handlungsfähig zu bleiben und die einmal definierte Strategie konsequent umzusetzen.
Wenn du dich aktuell in der Planungsphase befindest, kurz vor dem Ruhestand stehst oder bereits in der Entnahmephase bist, melde dich gerne über unser Kontaktformular oder schreibe eine E-Mail an info@gn-finanzpartner.de. In einem ersten kostenfreien Gespräch schauen wir uns deine Situation gemeinsam an und besprechen, wie und in welcher Form wir dich unterstützen können.
Wir freuen uns auf deine Nachricht!

