
Es ist schon eigenartig, dass wir die riskanten Geldentscheidungen anderer auf den ersten Blick zu durchschauen meinen. Investiert ein Bekannter sein gesamtes Vermögen in den neuesten Trend, ob Kryptowährung, Gold oder einen gehypten Technologietitel, ist uns das Risiko sofort klar.
Bei den eigenen Finanzen hingegen fühlen wir uns bemerkenswert sicher und halten unsere Entscheidungen für wohlüberlegt und rational.
Genau darin liegt eine der hartnäckigsten Fallen der Geldanlage. Die Psychologie nennt sie den blinden Fleck, im Englischen Blind Spot Bias. Gemeint ist die Neigung, kognitive Verzerrungen bei anderen zu erkennen, bei sich selbst jedoch zu übersehen. Vor Kurzem führten wir ein Beratungsgespräch mit einem Unternehmer aus Süddeutschland, dessen Fall dieses Phänomen treffend veranschaulicht.
Diese Geschichte nehmen wir im Folgenden zum Anlass, um zu zeigen, welchen Streich unsere Psyche uns spielen kann, obwohl wir glauben, rational zu handeln. Doch zunächst ein Blick darauf, warum dieser blinde Fleck so tückisch ist und ausgerechnet die Sicheren trifft.
1. Der blinde Fleck im Kopf
Jedes menschliche Auge hat einen blinden Fleck. An der Stelle, an der der Sehnerv auf die Netzhaut trifft, sitzen keine Sehzellen, dort sehen wir schlicht nichts. Im Alltag bemerken wir diese Lücke dennoch nie, weil unser Gehirn sie unbewusst auffüllt und das fehlende Stück sinnvoll ergänzt. Wir sind überzeugt, das vollständige Bild zu sehen, obwohl ein Teil davon fehlt.
Mit unserem Urteilsvermögen verhält es sich ähnlich, mit einem entscheidenden Unterschied. Auch hier entsteht der Eindruck eines vollständigen, objektiven Bildes. Doch anders als beim Auge wird die „Lücke“ nicht ergänzt. Unser Verstand füllt sie mit den eigenen guten Gründen und nachvollziehbaren Erklärungen, sodass wir die Verzerrung in unserem Denken gar nicht bemerken.
Die Sozialpsychologin Emily Pronin hat dieses Phänomen mit ihren Kollegen Anfang der 2000er Jahre untersucht. Hier haben wir die Ergebnisse der Studie verlinkt. Menschen halten sich selbst für weniger anfällig für typische Denkfehler als ihre Mitmenschen. Besonders aufschlussreich war dabei ein Detail. Selbst nachdem man den Teilnehmern erklärt hatte, wie eine Verzerrung ihr Urteil beeinflusst haben könnte, hielten viele ihre eigene Einschätzung weiterhin für objektiv.
Das macht den blinden Fleck so tückisch, denn er lässt sich nicht durch erneutes Überdenken auflösen. Auch wer in sich hineinhorcht, findet dort überwiegend die eigenen guten Gründe, die dafür sprechen, nicht aber die eigentlichen Verzerrungen.
Die Psychologie nennt das die Introspektionsillusion, den Trugschluss, sich allein durch Selbstreflexion vollständig zu verstehen.
Verstärkt wird dies durch den naiven Realismus, die Annahme, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, während alle, die anders urteilen, sich täuschen. Gerade diese Überzeugung wiegt uns in der Sicherheit, ausgerechnet wir würden die Dinge objektiv beurteilen.
Bemerkenswert ist dabei, dass dieser blinde Fleck nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun hat. Untersuchungen deuten darauf hin, dass er unabhängig von der tatsächlichen Entscheidungsfähigkeit auftritt. Auch kluge, erfahrene und analytisch denkende Menschen sind ihm ausgesetzt, mitunter sogar besonders, weil sie sich ihrer Urteilskraft so sicher sind.
2. Ein Fall aus unserer Beratungspraxis
Wie sich der Blind Spot Bias im Alltag konkret zeigt, lässt sich an einem Unternehmer veranschaulichen, der uns vor Kurzem in der Beratung begegnete.
Ein erfahrener Mann Mitte 50, der seine Geldanlage bisher überwiegend selbst in die Hand genommen hat. In unserem Gespräch erwähnte er, immer davon überzeugt gewesen zu sein, relativ rational zu handeln. Bei anderen, so der reflektierte Mann, habe er die Risiken meist sofort erkannt, sei es bei spekulativen Aktien oder bei Investments in Immobilien. Für sein eigenes Vorgehen hatte er dagegen stets gute Gründe.
Den Anlass, sich an uns zu wenden, lieferte jedoch einen anderen Umstand.
Seine Beziehung zum Investieren hatte sich nach und nach verschlechtert und war zur Belastung geworden. Das Thema verfolgte ihn bis ins Privatleben und kostete Nerven und Zeit, die er eigentlich nicht hat.
Hintergrund war, dass sein Depot über die Jahre einen deutlich größeren Risikoanteil angenommen hatte, als ihm lieb war. Die breite Streuung, mit der er einst gestartet ist, gab es faktisch nicht mehr. Das führte dazu, dass er bei stärkeren Schwankungen zunehmend unruhiger wurde und sehr häufig abends die Kursverläufe der Kapitalmärt prüfte, obwohl er wusste, dass das wenig bringt.
Ursache dieser Verschiebung war die starke Konzentration auf US-Technologiewerte. Die positive Entwicklung hatte ihn über Jahre bestätigt, und so war er sich oberflächlich sicher, eine rationale Entscheidung auf Basis der Zahlen zu treffen. Dass er damit im Grunde genau das tat, was er bei anderen kritisierte, kam ihm lange nicht in den Sinn.
Bemerkenswert war jedoch seine Selbsterkenntnis. Statt nach weiteren Begründungen zu suchen, erkannte er, dass er einer Verzerrung erlegen war. Dass es dafür sogar einen Namen gibt, fand er amüsant, und er hat sich darin sofort wiedererkannt. Diesen Schritt zur Reflexion gehen längst nicht alle betroffenen Anleger.
3. Warum Wissen allein nicht schützt
Unser Unternehmer hat recht frühzeitig erkannt, dass seine Situation für ihn nicht mehr tragbar ist, und ist von sich aus aktiv geworden. Diese Selbsterkenntnis ist keineswegs selbstverständlich, zeigen Studien zum Blind Spot Bias.
Auch Menschen, denen die Verzerrung ausführlich erklärt wird, halten ihre eigene Einschätzung weiterhin für objektiv. Die Lücke im Selbstbild lässt sich nicht durch ausreichend Information schließen. Der Grund liegt in der Funktionsweise des Phänomens. Wer über die eigenen Entscheidungen nachdenkt, findet meist eine schlüssige Erklärung dafür, warum sie genau so getroffen wurden. Was dabei selten ins Bewusstsein gerät, sind die unbewussten Verzerrungen, die das Urteil im Hintergrund mitgeformt haben. Auf diese hat die reine Selbstbeobachtung keinen Zugriff.
Einfacher gesagt, wir prüfen unsere Entscheidungen mit denselben Augen, mit denen wir sie getroffen haben.
Hinzu kommt, dass gerade analytische, intelligente und erfolgreiche Menschen stark auf ihre eigene Urteilskraft vertrauen. Diese Kompetenz ist eine echte Stärke, kann aber dazu führen, dass die eigene Wahrnehmung kaum noch hinterfragt wird. Genau dort entsteht der Raum, in dem der blinde Fleck unbemerkt greifen kann. Daraus folgt eine unbequeme, aber wichtige Konsequenz. Wer den blinden Fleck wirklich entschärfen will, kann das meistens nicht „aus sich heraus“ tun. Es braucht eine zweite Perspektive von außen. Jemanden, der das Bild nicht durch die eigene Brille sieht und genau dort hinschaut, wo der eigene Blick systematisch ausweicht.
4. Die Lösung, der Blick von außen
Erinnern wir uns kurz an den Anfang. Beim Auge übernimmt das Gehirn die Aufgabe, den blinden Fleck zu schließen. Es ergänzt das fehlende Stück und sorgt dafür, dass ein vollständiges Bild entsteht.
Beim eigenen Urteil aber fehlt uns genau diese Instanz, die den blinden Fleck von außen ausgleicht.
Genau hier liegt die Aufgabe eines unabhängigen Beraters. Er ergänzt das fehlende Stück, das man selbst nicht sehen kann, und macht aus einem unvollständigen wieder ein vollständiges Bild.
Im Fall unseres Unternehmers war genau das der entscheidende Schritt. Erst der Abgleich mit einer neutralen Außenperspektive machte sichtbar, wie weit sich sein Depot von seiner ursprünglichen Risikoneigung entfernt hatte und wie sehr ihn die jüngste Entwicklung der US-Technologiewerte unbewusst geleitet hatte.
Gemeinsam haben wir aus einer ungeplanten Geldanlage eine Strategie mit klarer Richtung gemacht.
- Vorher: Ein Depot mit hoher Konzentration auf US-Technologiewerte, ohne klare Ziele, ohne abgestimmten Zeithorizont und mit einem Risiko, das nicht mehr zu ihm passte. Begleitet von Unruhe und schlaflosen Nächten.
- Heute: Klare Ziele, eine sauber ermittelte Risikoneigung, ein breit gestreutes Depot und eine Ruhestandsplanung, die zeigt, wohin die Reise geht. Begleitet von Ruhe und dem guten Gefühl, einen Plan zu haben.
Für den Unternehmer hat sich dadurch im Alltag spürbar etwas verändert. Seine Geldanlage läuft heute weitgehend im Autopiloten, im Hintergrund seines Lebens und nicht mehr in dessen Mittelpunkt. Statt jeden Abend die Kurse zu prüfen, gewinnt er Freizeit und mentale Ruhe zurück. Das Risiko ist auf ein Maß zurückgeführt, das wirklich zu ihm passt, und die Sorgen, die ihn bis in sein Privatleben verfolgt haben, sind deutlich kleiner geworden. Wir bleiben dabei sein Sparringspartner für die Themen, die immer wieder auftauchen, und sorgen dafür, dass der einmal gefasste Plan auch in unruhigen Phasen tragfähig bleibt.
Diese Außenperspektive bildet den Kern unserer Arbeit als unabhängige Honorarberater.
Da wir ausschließlich für unsere Beratung vergütet werden und unabhängig vom Verkauf einzelner Produkte arbeiten, ist die Voraussetzung gegeben, eine Situation tatsächlich neutral beurteilen zu können. Am Ende steht nicht ein bestimmtes Produkt im Vordergrund, sondern deine Situation und das, was für dich wirklich sinnvoll ist.
5. Fazit
Wir haben gelernt, dass den blinden Fleck im Auge unser Gehirn von selbst schließt. Beim eigenen Urteilsvermögen fehlt uns allerdings diese Eigenschaft. Wir erkennen oftmals die Fehler anderer, halten unser eigenes Handeln aber für rational.
Genau das macht den Blind Spot Bias so tückisch. Er trifft häufig jene, die sich ihrer Sache besonders sicher sind. Was wirklich hilft, ist eine zweite Perspektive von außen. Wenn dein Risiko nicht mehr zu dir passt oder dich die Geldanlage mehr beschäftigt, als dir lieb ist, sind wir gern dein Sparringspartner. In einem kostenfreien Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf deine Situation. Schreib uns über unser Kontaktformular oder an info@gn-finanzpartner.de.
Wir freuen uns auf deine Nachricht!
